Aufbau der Stunde

Jetzt kommt Struktur in die Sache. Das hörte sich für meinen Freigeist am Anfang sehr eng und unflexibel an. Und ich brauchte auch einige Lernprozesse um mich mit dieser Struktur anzufreunden. Mittlerweile weiß ich, dass Struktur, Flexibilität und Kreativität kein Widerspruch sind, sondern sich sogar gegenseitig befruchten. Am Anfang meiner Kinderyoga-Karriere hatte ich noch nicht so einen klaren Ablauf meiner Stunden. Ich dachte, ich bin kreativ und will mich doch nicht von einem starren Aufbau meine Kreativität verbauen. Außerdem käme ja eh alles auf Spontanität an beim Kinderyoga. Und so saß ich bei jeder Planung 4 bis 6 Stunden, ließ mir jedes Mal neue Dinge einfallen und wunderte mich, dass manche Dinge in der Einheit mit den Kindern nicht ankamen. Sie wollten – vor allem die Kleinen – immer die selben altbekannten, bewährten Spiele.

Irgendwann erkannte ich, dass es mir und den Kindern hilft, eine klare Struktur in den Ablauf einer Kinderyogastunde zu bringen. Sie machte mich dann nämlich sogar flexibler und die Kinder und ich konnten sich an den wiederkehrenden Ritualen orientieren. Plötzlich dauerte das Vorbereiten einer Kinderyogastunde nur noch halb so lange und die Kinder wurden immer kooperativer und sicherer. Denn nun kannten sie ja den Ablauf. Für Kinder bringt ein geregelter Ablauf, der sich immer wiederholt, Sicherheit. Sie wissen, was auf sie zukommt und können sich auf die Stunde besser einlassen. Und ich muss nicht jedes Mal das Rad neu erfinden.

Der in Folge entwickelte Aufbau einer Kinderyogastunde hat sich für mich und meine Yoga-Kinder als sinnvoll herausgestellt. Es kann gut sein, dass du im Laufe der Zeit, zu deinem eigenen Ablauf übergehen wirst und meinen Aufbau adaptieren wirst. Fühl dich frei dies zu machen und sehe die nächsten Punkte als Vorschlag.

Vorbereitung:

1.) Thema festlegen (Was ist das Thema meiner Stunde?)

Beispiele: Gefühle, Wilder Westen, die Chakren, die 4/5 Elemente, Freundschaft, Vertrauen, Spiel und Spaß…

2.) Ziel festlegen (Was ist meine Motivation für die Stunde?)

Beispiele: Annahme schwieriger Gefühle und ein konstruktiver Umgang damit, Erarbeitung und Festung bestimmter Yogapositionen, Aufbau von Flexibilität, Kraft, Ausdauer, Konzentration… , sich dem Atem bewusst werden und ihn zur Beruhigung des Geistes nutzen, Erlernen einfacher Meditations- und Stille-Übungen …

3.) Asanas festlegen (Welche Asanas passen zum Thema? Wie führe ich die Kinder an diese heran?)

Es gibt 5 Wege sich im Yoga zu „verbiegen“ – dies kann eben im Stehen, Sitzen oder Liegen passieren 😉 Jede Kinderyogaeinheit soll mindestens jeweils eine Übung davon enthalten:

Balanceübungen: für Konzentration und Erdung
Drehhaltungen: entgiften, lösen alte Blockaden
Umkehrhaltungen: wirken belebend und bringt eine neue Sicht auf die Welt
Vorwärtsbeugen: entspannen und ziehen die Sinne nach innen
Rückwärtsbeugen: bringen Mut und lassen uns frei atmen und annehmen

4.) Material finden (Was brauche ich, um die Stunde zu gestalten?)

Beispiel: Musik, kreative Elemente, Klangschale, Zauberduft, Kuscheltiere, Federn für Atemübungen …

Elemente einer Kinderyogastunde

 

1.) Einstiegs- und Begrüßungsritual (Klangschale anschlagen, OM, Namaste, Lied…)

Dieses Ritual läuft ganz bewusst IMMER GLEICH ab. So wissen die Kids „Jetzt geh’ts los“. Das bringt Sicherheit und spart mir einiges an Erklärungsaufwand. So kann ich meine Stimme sparsam einsetzen – was im Kinderyoga-Setting immer gut ist. Je nach Alter und Energielevel der Kinder wird das Begrüßungsritual länger oder kürzer ausfallen. Es kann entweder ein kurzes Lied, ein Spiel oder eine Übung sein.

Hier mein Begrüßungsritual für Kinder ab 6 Jahren:
das Faden-Spiel
Körperhaltung (Faden anbinden): Alle Kinder machen sich ganz buckelig. Der Oberkörper hängt schwer nach vorne. Die Kinder spüren einen Faden, der an ihren Köpfen angebracht ist. Sie ziehen ihren Oberkörper an diesem Faden nach oben. Nach ein paar Dehnungs- und Kräftigungsübungen mit dem Faden binden sie den Faden über den Köpfen fest.

2.) Bewegung (Yogaspiele, Laufen, Tanzen, Austoben …)

Ganz wichtig – der wichtigste Teil einer Kinderyogastunde – ist der Bewegungs-Teil. Kinder kommen meist mit irrsinnig viel Energie, oft sogar mit angestauten Emotionen, zu mir. Diese Energien müssen zuerst mal frei gesetzt werden. Die Kinder könnten sich nicht gleich am Anfang auf die Matte in Stille begeben. Aus diesem Grund wird im Anschluss an den Begrüßungsteil gleich so richtig Gas gegeben: Laufen, Toben, Schreien, Tanzen – alles ist erlaubt, solange man niemanden anderen (und auch sich selbst) nicht dabei verletzt. Mein Ziel ist es, dass sich alle Kinder danach FREIWILLIG und GERNE für ein paar Atemzüge auf die Matte legen. Danach sind sie auch aufnahmefähig für meinen Input.

Feuer-Wasser-Sturm
Kinder laufen durch den Raum. YL ruft „Feuer/Wasser/Sturm“ in den Raum. Je nachdem welches Element gerufen wurde, führen die Kinder eine Yogaposition an. Bsp.: Feuer: Löwe – Wasser: Hai – Sturm: Adler
Variation: Bei älteren Kindern wird nur noch das Element vorgegeben, die Kinder dürfen selbst passende Positionen dazu wählen.

 

3.) kurze Entspannung  (Atemübung, Tönungsübung, kurze Meditation …)

Nach dem Auspowern folgt eine Cool-Down-Phase. Diese dauert so lange, wie es die Kinder brauchen. Du spürst und erkennst es, wenn sie genug haben. Meist sind es nur wenige Atemzügen, denn der Organismus der Kinder arbeitet schneller. Somit sind sie schneller müde, entspannt und auch schneller wieder fit.
In dieser Phase kannst du wunderbar eine Atemübung einbauen. Diese dauert meist nicht lange, viele davon kannst du im Liegen, Sitzen oder Stehen durchführen und sie bringen sofort frische Energie:

Luftballon-Atmung
Diese Übung kann im Sitzen, Liegen oder Stehen durchgeführt werden. Du brauchst dafür nur etwas Ruhe. Stelle sich vor, in deinem Bauch ist ein Luftballon in deiner Lieblingsfarbe. Lege dir die Hände auf den Bauch und schließe die Augen. Beim Einatmen hebt sich dein Bauch – dein Luftballon bläst sich auf. Beim Ausatmen senkt sich dein Bauch – dein Luftballon wird wieder ganz klein. Fahre so für 3-4 Atemzüge fort.
Als nächsten Schritt kannst du dir vorstellen, dass du die Öffnung des Luftballons auseinander ziehst. Dadurch entsteht beim Ausströmen der Luft ein lustiges Geräusch. Versuche dieses Geräusch bei der nächsten Ausatmung nachzumachen. Du kannst auch diese Übung 3-4 Mal wiederholen und dabei das lustige Gefühl an deinen Lippen wahrnehmen.

 

4.) Hauptteil mit Asanas  (Spiele, Geschichten, Partnerübungen, Stationen …)

Nach der Cool-Down-Phase sind die Kinder aufmerksam genuguim meinem Input etwas länger zu folgen. Möglicherweise muss ich einige Yoga-Stationen erklären oder eine Asana genauer besprechen. Manchmal steige ich aber auch gleich direkt in eine Geschichte ein und nehme die Kinder auf die Reise in unbekannte Welten mit. Hier in diesem Teil kann ich meiner Kreativität freien Lauf lassen, bin aber immer so flexibel, dass die Ideen der Kinder gehört und eingebunden werden.

Der Hauptteil besteht aus 5-7 Asanas, die sich gut ergänzen (siehe oben – 5 Varianten sich zu verbiegen). Dieser Teil der Stunde kann zu Beginn auch noch sehr laut und wild sein. Vielleicht treffen wir noch auf Löwen, müssen Holzhacken oä. Je fortgeschrittener die Yogastunde und je näher die Entspannung rückt, desto ruhiger wird die Stunde.

 

5.) Endentspannung (Fantasiegeschichte, Massage, Musik, Mandala …)

Die Entspannung am Ende ist in jeder Yogastunde – auch bei den Kids – wichtiger Bestandteil der Stunde. Der Körper braucht diese Phase um sich vollständig zu regenerieren. Bei Kindern kann diese Entspannungsphase aber auch anders aussehen und muss nicht wunderschönstes Savasana für 10 Minuten bedeuten. Meist reichen den Kindern 2-5 Minuten.
In manchen Stunden entspannen wir uns auch mit einer gemeinsamen Stille Übung im Sitzen, malen ein Mandala oder hören einem ruhigen Musikstück zu.

Wo ist die Klangschale?
Alle Kinder liegen bequem und entspannt auf der Matte. Die Kinder werden dazu angehalten bei der Übung die Augen zu schließen. Sie sollen sich während der Übung nur auf ihr Gehör verlassen. Die Lehrerin schleicht durch den Raum, bleibt stehen und schlägt die Klangschale an. Kinder raten, wo sich die Klangschale befindet und zeigen in die Richtung. Diese Übung wird einige Male an verschiedenen Punkten im Raum wiederholt. Es ist dabei nicht wichtig, ob die Kinder in die richtige Richtung zeigen, oder ob sie die Augen geschlossen halten. Es geht dabei um die Erfahrung der Stille und die Wirkung der Schwingungen der Klangschale.

6.) Verabschiedung

Wie das Anfangs-Ritual sollte auch die Verabschiedung immer gleich ablaufen. So wissen die Kinder auch hier „Jetzt ist es vorbei. Ich darf nun aufstehen.“ Dieses Ritual spannt den Bogen zum Anfang und rundet die Stunde ab. Außerdem habe ich hier nochmal die Möglichkeit in die Befindlichkeit der Kinder hinein zu spüren und jedem nochmal meine Wertschätzung zu übermitteln. Meine Verabschiedung ist ganz bewusst sehr kurz und knapp, damit ich wirklich am Ende jeder Stunde dafür noch die Zeit finde. Denn es wäre schade, wenn wir am Ende der Yogastunde hetzen müssten…

das Zitronen-Gesicht
Kinder sitzen im Kreis und geben die Hände zur Brust. Sie ziehen nochmal die Schultern ganz fest zu den Ohren und machen dabei ein Zitronengesicht. Danach ganz aprupt los lassen. 2-3 wiederholen. „Namaste“

 

die Übergänge zwischen den einzelnen Übungen und Spielen

Schon in meinem Studium wurde mir immer wieder die Wichtigkeit harmonischer Übergänge eingetrichtert. Zu dieser Zeit war mir dieses Thema noch sehr fremd, da ich ja noch kaum Erfahrung im Führen von Kindergruppen hatte. Doch in der Praxis merkte ich sehr schnell, was damit gemeint ist. Zum einen sind Präsenz, Flexibilät und Kreativität im Unterricht notwendig und trotzdem sollte man die eigene Planung gut im Kopf haben, um von einem Spiel zum nächsten reibungslos überzuleiten.

Stell dir also immer wieder folgende Fragen, wenn es nötig ist:

  • Wie sollen die Kinder den Yogaraum betreten und verlassen?
    Es wird für dich und die Kinder ruhiger, wenn du daraus schon ein (Stille-)Spiel machst.
  • Was machen die Kinder mit dem Material nach dem Spiel?
    Sobald Kinder etwas in der Hand haben, hast du nicht mehr ihre ungeteilte Aufmerksamkeit und es wird unruhiger.
  • Wie bekommst du die Kinder nach einem Spiel wieder auf die Matte?
    Am Besten binde diese Anweisung schon in das Spiel ein.
  • Wie bekommst du die Kinder nach einem lauten und wilden Spiel wieder zur Ruhe?
    Auch hier kannst du ihre Kreativität nutzen und im Spiel immer ruhiger werden. Beispiel: Zu Beginn springen alle Kinder laut und wild wie Frösche durch den Raum. Nach einer Weile wird der Frosch aber müde, hüpft zurück aufs eigene Seerosen-Blatt und schläft dort ein.

Sind diese Übergänge gut überlegt, fließt ein Spiel und eine Übung in die andere. Somit haben Kinder keine Lust und auch keine Zeit aus der Stunde auszubrechen und Unsinn zu machen. Unsinn und störendes Verhalten entsteht nämlich genau dann, wenn Kinder das Gefühl haben, sie müssten für mich die Stunde übernehmen, weil ich nicht weiß, wie es weitergeht… 😉 Das bedeutet nicht, dass die Yogastunde zum Stress und zur Hektik verkommen soll. Ganz und gar nicht. Aber es gibt Kindern Sicherheit, wenn sie spüren, dass du weißt was du tust.

Und mein letzter wichtiger Tipp an dieser Stelle: Baue den Spannungsbogen der Yogastunde immer wieder neu auf. Wechsle ruhige und schnelle Elemente miteinander ab werde mit deiner Stimme mal motivierend lauter und dann wieder ganz leise und geheimnisvoll.

Viel Spaß beim Planen deiner nächsten Stunden!

3x Zitronengesicht und Namaste, Hanna

 


Die Kinderyoga-Serie „Verhalten im Ernstfall“ im Überblick:

  1. Nimm eine neue Haltung ein – Die Stunde gehört den Kindern, nicht dir (in Teil 1)
    dfg
  2. Kinder sind unsere Spiegel (in Teil 2)
    • Praktiziere selbst regelmäßig
    • Bewusstes Atmen hilft immer
    • Lade deine Batterien immer wieder auf
      dfg
  3. Achte deine Grenzen und die Grenzen der Kinder ( in Teil 3)
    • Zentrierungsübungen vor der Stunde helfen
    • Vermittle den Kindern die Wichtigkeit der eigenen Grenzen
      dfg
  4. Uneingeschränkte Annahme – Kein Kind stört! (in Teil 4)
    • Was ist der Entwicklungsstand der Kinder?
    • Was will mir dieses Kind sagen?
      dfg
  5. Aufbau der Stunde (hier in Teil 5)
    • Schnelle Wechsel der Übungen
    • Wichtig sind die Übergänge zwischen den Spielen/Übungen
    • Abwechseln LAUT und LEISE, KRAFTVOLL und ENTSPANNT
      dfg
  6. Reflektiere – Nimm dir deinen Anteil heraus aber lass los. Denn nicht für alles in der Stunde bist du verantwortlich. (in Teil 6)
    • Weitere Tipps für einen reibungslosen Ablauf
    • Loslassen, wenn es dieses Mail deiner Meinung nach gar nicht geklappt hat.

In den nächsten Wochen werde ich Schritt für Schritt alle weiteren Punkte genau beantworten. Bleib also dran! Am Besten du trägst dich in meinen Newsletter ein, dann versäumst du keinen Teil der Serie. Ich freu mich auch auf regen Austausch und deine Erfahrung im Kommentar-Bereich oder auf Facebook.