Die Nachrichten und Facebook sind voll vom Elend der Flüchtlinge. Mir treibt es jedes Mal die Tränen in die Augen und ich kann nicht mehr wegsehen. Europa ist ratlos – oder gibt sich zumindest so. Und die braven Bürger sitzen da und schieben die Schuld auf die EU, die böse IS, die Politiker … Doch mein Herz strahlt und fasst Mut, wenn ich dann die anderen Bilder sehe: BürgerInnen die Empathie zeigen, mutig sind, helfen und die Menschen bei uns im Land mit offenen Armen empfangen.

Es ist Zeit für ein neues Bewusstsein – ein Umdenken – Zeit Verantwortung zu übernehmen. Die Spatzen pfeifen es von allen Dächern:

„Ihr wart genug lange brav und habt getan, was von euch erwartet wurde. Nun ist es Zeit aufzuwachen und die Welt eigenverantwortlich zu verändern. Gebt eure Verantwortung nicht der Wirtschaft, der Politik oder euren Eltern. Benutzt euren Kopf und vor allem euer HERZ.“

Dieses Brav-Sein stößt mir schon seit längerer Zeit auf und doch sitzt auch in mir sehr oft eine innerere Erzieherin, die jede meiner Aussagen und Handlungen dahingegen bewertet, ob sie eh brav sind. Mir waren diese Sätze schon als Nicht-Mami immer eine Qual: „Der ist aber brav.“, „Ist das aber ein braves Kind.“ „Du hast aber brav gegessen.“… usw.

Menschen meinen diese Sätze nicht böse und sie wollen für ihre Kinder nur, dass sie sich in dieser Welt zu Recht finden. In unserer derzeitigen Gesellschaft ist brav sein – angepasst sein – einfach die Norm. Doch was bedeutet dieses Brav sein? Brav heißt das zu tun, was von einem erwartet wird. Die Menschen gehen brav zur Arbeit, konsumieren brav unnötige Produkte, glauben brav den Nachrichten und machen brav mit. Wer definiert denn, was brav bedeutet? Heißt schlimm sein, dass man automatisch mit Sanktionen rechnen muss? Wer gibt denn dafür Richtwerte ab? – Keine Sorgen das wird jetzt kein Weltverschwörungsbeitrag 😉

Brav ist man immer nur für andere. Und was, wenn das Kind mal nicht „brav“ ist? Ist es dann automatisch schlimm?

Am Anfang meiner Pädagoginnen-Karriere, als blutjunge Lehramts-Studentin hoffte ich noch auf einen 0815-Trick um alle „schlimmen Kinder/Klassen“ mit einem Fingerschnipp zur Ruhe zu bringen. Im Laufe der Jahre – ich habe viele dieser Patent-Lösungen ausprobiert – musste ich einsehen, dass ich solche Klassen/Kinder gar nicht heranziehen wollte. Denn es gibt sie, die „braven“ Kinder. Die Klassen, die mucksmäuschenstill durch den Schulhof schleichen, ohne dass sie jemand kommen hört. Des Öfteren habe ich beobachtet welcher Aufwand dahinter steckt. Manchmal erinnerte es sogar an eine Militärschule. Da hagelte es dann Beschimpfungen, Androhungen von Sitzpause, Zusatzhausübung, Eintragung ins Mitteilungsheft oder weiteren Sanktionen. Erreicht wurde dadurch eine Klasse, die aus Angst für Strafe, leise durch das Schulgebäude trottet.

Doch was ist der Preis?

  • Kinder verlernen ihr natürliches Gespür für Recht und Unrecht.
  • Kinder werden gegeneinander ausgespielt.
  • Kinder glauben irgendwann, dass sie diese Strafe „verdient“ haben, wenn sie nicht gehorchen.
  • Oder: Kinder finden sich ungerecht behandelt und schwören auf Rache.
  • Es beginnt ein Konkurrenzkampf: Wer kann braver/schlimmer sein.
  • Die Person, die Sanktionen verteilt, agiert dann nur noch als Richter, Polizist oder Drill Sergeant.
  • Kinder spüren aufsteigende Rachegefühle und schämen sich dieser „schlimmen“ Gefühle.
  • Kinder müssen die Brav-sein-Liste wie Vokabeln erlernen und Hören nicht auf ihre eigenen Empfindungen.
  • Es gibt plötzlich gute und schlechte Gefühle. Die schlechten Gefühle werden unterdrückt. Kinder verleugnen ihre eigenen Gefühle um brav zu sein. Irgendwann ist es dann schwierig sie überhaupt klar zu spüren.

Das heimtückischste an diesem Bravheits-Wahn ist, dass man dadurch seine Identität ein Stück aufgibt. Alle Gefühle, Gedanken und Handlungen werden durch einen Bravheitsscan gefiltert. Das bedeutet, dass Kinder sofort ein schlechtes Gewissen erhalten, wenn sie „schlimmer Gedanken“ haben. Sie fühlen sich dann mit ihren Gefühlen und Gedanken schlecht und wollen sie weg haben. Es entsteht das Gefühl nicht perfekt zu sein.

Und schon sind wir im Teufelskreis der negativen Mantren: „Ich muss gefallen.“ „Ich muss perfekt sein.“ „Andere dürfen meinen Wert bestimmen.“ „Ich bin nicht schön/brav/ordentlich genug.“ Kennt ihr diese Gedanken auch in eurem Kopf? Viele TV-Formate zielen genau darauf ab (siehe Casting-Shows…).

Wenn auch du dich darin erkannt hast, habe ich ab heute ein neues Mantra für dich: „Ich bin GENUG.“

Es geht uns allen gleich. Und wenn du bei diesem Artikel bis hier her gelesen hast, hat sich in dir etwas gerührt und dich zum Nachdenken bewegt.

 

Wie kommen wir aus dem Bravheits-Wahn heraus?

Zu aller Erst: Entspann dich. Du hast wahrscheinlich in deiner Kindheit so oft gehört, was man darf und was man nicht darf, dass es wie ein Filter über deiner Wahrnehmung liegt. Das ist ganz normal und menschlich. Ohne diesen Filter könnten wir uns in dieser Welt gar nicht zu Recht finden. Sei also einfach aufmerksam und nehme deinen Brav-Filter wahr. Vielleicht magst du dir in Gedanken etwas sagen wie: „Aha, interessant. Ich habe noch nie bewusst erkannt, dass ich diese Annahme einfach übernommen habe. Stimmt das überhaupt so (noch) für mich?“ oder „Warum eigentlich (nicht)?“

„Wer sagt denn eigentlich, dass das so sein muss?“

Mit der Erkenntnis und dem bewussten Hinsehen ist schon viel geschafft. Danach geht es um das Annehmen was ist. Denn du, dein Leben, deine Kinder, deine Familie sind perfekt so wie sie sind. Das heißt nicht, dass du alles gut heißen muss, dass du alle Handlungen tolerieren musst und dass man deine Grenzen einfach überschreiten darf. Es ist einfach eine neue Haltung der Situation gegenüber.

Als Mama/Papa hilft es, Kindern ein persönliches Feedback zu geben: „Ich kann verstehen, dass du wütend bist. Es ist für mich aber nicht in Ordnung, dass du deshalb mit Tellern wirfst. Finden wir gemeinsam eine Lösung mit deiner Wut anders umzugehen.“ zB: brüllen wie ein Löwe, schreiben, stampfen, sich so lange im Kreis drehen, bis einem schwindelig ist.

Wichtig für Kinder ist, dass sie als Person nicht bewertet werden: „Du bist schlimm/brav“. Sondern, dass immer das Verhalten beurteilst: „Wenn du so laut durch die Wohnung schreist, werde ich richtig nervös. Ich will, dass du damit aufhörst, oder in deinem Zimmer weiterschreist.“ Oder „Oh, du willst gerne alleine spielen, hm? Ich will, dass du das deinem kleinen Bruder auf sanfte Art mitteilst. Schlagen ist keine Alternative.“ Manchmal brauchen Kinder Lösungsvorschläge um Alternativen zu finden, sehr oft sind sie allerdings so kreativ, dass sie selbst tolle Strategien finden.

 

Fazit:

Kindern muss nichts beigebracht werden. Sie sind perfekt, so wie sie sind. Sie müssen nicht verbogen, erzogen und ermahnt werden. Kinder sind Teamplayer – von Anfang an. Solange man sie lässt… Kinder kommen mit dem größten Potenzial auf die Welt und werden in unserer leistungsorientierten Gesellschaft leider schnell zu Instrumenten der Bildungs- und Wirtschaftspolitik gemacht. Wir brauchen nicht noch mehr Konsumenten und Soldaten, die angepasst mit dem Strom schwimmen.

Unsere Gemeinschaft braucht Menschen, die sich trauen Nein zu sagen, die wissen was sie können und kreative Lösungen für die Probleme der Welt finden. Wir brauchen Menschlichkeit, wahres Mitgefühl und bedingungslose Liebe uns selbst und anderen gegenüber. Diese Fähigkeiten sind in jedem von uns angelegt. Doch viele haben es leider auf dem Weg zum Erwachsen-werden vergessen. Für Kinder ist der Weg zurück zum Erinnern noch kürzer und einfacher. Yoga und Menschen, die ihnen wertschätzend begegnen, können dabei eine große Hilfe sein.

 

Kinder wollen werden wie ihre Eltern, sei also du die beste Version von dir und inspiriere dadurch deine Kinder und deine Umwelt.