Liebe Tochter!

Wie schön, dass du da bist. Gerade eben musste ich wieder an unsere traumhafte Geburt denken und wie spannend du es für alle gemacht hast. Das ist nun schon 6 Monate her. Dein Bruder, du und ich verbringen die meiste Zeit miteinander. Wir spielen, wir kuscheln, wir lachen, wir streiten und weinen. In deinen Augen sehe ich, wie sehr du deinen großen Bruder anhimmelst und ihn bewunderst. Niemand kann dich so sehr zum Lachen bringen wie er und das genießt er sichtlich. Er ist in diesem halben Jahr zu einem großen Bruder geworden. Er ist sichtlich stolz auf dich und liebt dich sehr.

Die Nachricht, dass du schon auf dem Weg zu uns bist, hat mich vor gut einem Jahr etwas von den Socken gehaut. Ich war darauf ehrlich gesagt nicht vorbereitet. Mein Business-Ich hatte andere Pläne. Doch du hast uns überzeugt – sehr schnell – dass es genau der richtige Zeitpunkt war, zu uns zu kommen. Ich hatte solche Angst davor, dass Vincent noch zu klein dafür ist, ein großer Bruder zu werden. Ich hatte Sorge für dich und für ihn genug Zeit und Energie zu haben. Und wo blieben dann meine Bedürfnisse?

spielenUnd nun sitze ich mit euch im Kinderzimmer und sehe euch beiden beim Spielen zu. Du liegst auf dem Teppich und versuchst dich unermüdlich an Vincents Spielsachen heranzutasten, während Vincent die 4. „Elefanten-Parade“ am heutigen Tag konstruiert. Ich liebe diese Momente, wo ich euch sprichwörtlich beim Wachsen und Lernen zusehen kann. Ein warmes Gefühl von Liebe, Demut und Dankbarkeit überkommt mich. In diesen Momenten nehmt ihr mich gar nicht wahr.  Ich spüre dann ein Stück Freiheit wieder in mehr aufflackern, dass mir im Mami-Alltag immer wieder verloren geht.

Immer wieder versuche ich mich an die Zeit zu erinnern, als ich noch nicht eure Mami war. Sie ist so weit weg, so unwirklich. Ich bin in den letzten Jahren durch euch gewachsen und habe mich immer wieder aus der zu klein gewordenen Haut meiner begrenzten Vorstellungen herausgeschält. Eure Geburten – und insbesondere deine Raketen-Geburt – hat mein Leben und die Sicht auf das was möglich ist noch mal neu ausgerichtet. Meine Liebesfähigkeit hat sich durch deine Ankunft verfünffacht:

  • Ich liebe dich
  • Ich liebe deinen Bruder
  • Ich liebe euch als Geschwisterteam
  • Ich liebe uns als Familie
  • Ich liebe euren Papi als den großartigen Mann, der er durch euch geworden ist.

Ich denke über das Mysterium Zeit nach.* Wie schnell die Zeit vergeht, wenn man Kinder hat. Wie langsam für deinen Bruder manchmal die Zeit vergeht, wenn er auf etwas wartet. Wie es für alles im Leben die passend Zeit gibt. Wie ihr mir gerade zeigt, wie dehnbar Zeit ist, wenn man kuschelt und kichert.

Ich habe das Privileg mit euch beiden Wundermenschen ganz viel Zeit zu verbringen. Jeden Tag zeigt ihr mir dabei, wie wunderbar einfach und magisch eure Welt ist. Ich sehe die Magie von fliegenden Blättern, die durch die Luft tanzen. Wir begegnen gefährlichen Bären, die kleine Waisen-Schweinchen adoptiert haben. Und Vincent und ich diskutieren darüber, wer dich nun lieber hat: er oder ich. Vincent: „Mathilda ist mein Baby. Und ein bissi auch dein Baby.  Ich versprech‘s dir!“ Na Gott sei Dank.

Du bist das zweite Kind und anfangs hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht so viel Zeit für dich habe, wie ich es für Baby Vincent hatte. Doch du hast mir gezeigt, dass du glücklich bist, wenn du bei uns bist und uns beobachten darfst. Du liebst deinen Bruder und deine Liebensbeschäftigung ist es ihn zu imitieren. Er genießt diesen Status und macht extra für dich die höchsten Sprünge in  seinem Bett.

Ja. Du bist das zweite Kind und dadurch bin ich in vielen Dingen schon sehr viel entspannter. Dein Bruder hat mir gezeigt, dass Babys nicht so leicht kaputt zu machen sind, wie ich angenommen habe. Ich bin durch ihn schon zu einer selbstbewussten Mama geworden. Aber du bist nicht dein Bruder und somit musste ich, wie beim ersten Mal, einige Dinge wieder ganz neu lernen. Denn du bist gerne überall dabei und lässt die Eindrücke auf dich wirken. Am liebsten bist du auf mir und somit sind wir als 2er Team meist mit Tragetuch vorzufinden.

Du musst mich und meine Aufmerksamkeit sehr oft teilen. Du bist es nicht anders gewohnt und Vincent fordert mehr von mir ein als du. Wir beide genießen die gemeinsame Pflegezeit (stillen, wickeln, baden) umso mehr. Dabei lasse ich alles stehen und liegen und nehme mir Zeit nur für dich. Wir kuscheln, wir kichern, wir schmusen. Ich schau dir so gerne in die Augen, meine Kleine. Es ist, als ob du alles weißt, was es in jedem Moment zu wissen gibt.

Das erste halbe Jahr hast du mich rund um die Uhr gebraucht. Ich hab dir gegeben was du gebraucht hast, hab einfach mitgemacht und genossen. Ich wusste von deinem Bruder, dass diese intensive Zeit schneller vorbei geht als mir lieb ist. Und mit dem Tag deines 6. Monatstages wurde es leichter und freier für mich. Du bist nun „unterwegs“ und willst du Welt entdecken. Du lässt immer mehr von mir los und freust dich über andere Gesellschaft. Für mich ist diese neue-alte Freiheit, wie eine kleine Erholungsdusche. Ich finde wieder zurück zu meiner Yoga-Praxis, ich finde wieder zurück zu meinen Visionen, doch ohne euch und mich selbst dabei zu vergessen. Denn, kleiner Schatz, soviel hab ich schon von dir gelernt: Ich achte meine Grenzen und weiß um die Wichtigkeit einer entspannten Mama für euch und für mich.

*[ Danke liebe Patricia – Villa Natura – für die Inspiration zum Thema Zeit!]