Reflektiere – Nicht für alles in der Stunde bist du verantwortlich

Kinder sind keine Maschinen und es gibt Gott sei Dank keinen Trick 17, der auf alle Probleme und alle Situationen anwendbar ist. So viele Faktoren spielen in eine Stunde hinein und eine Kindergruppe ist ein komplexes System. Viele Dinge, die im Hintergrund ablaufen, können wir gar nicht erkennen.

  • Wie ist das Gruppengefüge untereinander? Gibt es da eine Außenseiter-Thematik, die auch in die Kinderyoga-Stunde mit hineinzieht?
  • Wie ist die Grundhaltung des Kindes sich selbst gegenüber? Ist es mit sich selbst zufrieden, oder kritisiert es sich innerlich und will anders sein?
  • Wie ist die Stimmung zuhause? Kann es sich dort so zeigen wie es ist? Herrscht dort ein sicherer Ort? Übernimmt es Dinge für die Eltern, die nicht seine Aufgabe sind?
  • Wie ist das Wetter draußen? Welche Mondphase beeinflusst uns gerade? Wann kommen die nächsten Ferien? Zu welcher Tageszeit wird der Yoga-Kurs angeboten?
  • Mit welcher emotionalen Grundstimmung kommen die Kinder in die Stunde?

All diese Faktoren und noch hunderte mehr spielen unbewusst auch in die Kinderyoga-Stunde mit hinein. Vieles davon können wir nicht wissen – vielleicht sogar nur sensibel wahrnehmen. Vieles davon wissen selbst die Kinder nicht konkret zu benennen.

Dieses komplexe System Kinderyoga-Gruppe besteht also aus vielen komplexen Individuen mit vielen oft widersprüchlichen Bedürfnissen. Diese Bedürfnisse alle zu befriedigen ist aber glücklicherweise nicht immer notwendig. Hier verweise ich auch nochmal an deine persönlichen Grenzen, die es unbedingt zu wahren gilt. Kinder/Erwachsene wollen einfach nur GESEHEN werden, mit all ihren Bedürfnissen. Ob das Bedürfnis dann auch wirklich befriedigt wird, ist zweitrangig und die Dringlichkeit hängt vom Charakter und Alter des Kindes ab. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es oft reicht, das Bedürfnis einfach beim Namen zu nennen und dem Kind das Gefühl zu geben, dass das Bedürfnis OK ist, ich aber jetzt keine Möglichkeit sehe, es zu befriedigen.

Bsp: „Für mich sieht es so aus, als wärst du schon müde und kannst der Stunde nicht mehr ganz folgen. Du möchtest gerne durch den Raum laufen und dich abreagieren. Das kann ich verstehen. Die anderen Kinder und ich wollen nun aber weitermachen, somit ist das nicht möglich. Du kannst entweder mitmachen oder auf deiner Matte sitzen und ruhig zusehen.“

Aber auch mit der empathischsten Haltung und ganz viel Gefühl, auch wenn du alle meine Tipps und Tricks beherzigst, wird es Tage geben, an denen läuft nichts so wie du es dir vorgestellt hast. Du Stunde geht buchstäblich in die Hose und die verlässt sie mit einem Gefühl, es heute nicht „geschafft zu haben“. Ich kann dich beruhigen, ich hatte von dieser Art Stunde schon sicher 50 und das ist im Nachhinein gesehen sehr gut. Denn genau an diesen Stunden habe ich am meisten gelernt. Und all die Tipps, die ich dir nun in den letzten Wochen mitgegeben habe, sind in Stunden wie diesen und in den Tagen danach entstanden.

Wir leben in einer seltsamen Gesellschaft, die mit allen Mitteln versucht „Fehler“ zu vermeiden. Dabei sind gerade diese Fehler oft das größte Lernpotential, wenn man mit ihnen richtig umgeht. Das gemeine am menschlichen Geist ist, dass die „negativen Dinge“ in der Wahrnehmung stärker gewichtet werden, als die positiven. Bei mir bedeutet das, dass ich nach einer gelungen Kinderyoga-Stunde voller Energie und Schwung hinausschwebe und das Leben umarmen könnte.Das sind die Momente, die mich in meinem Weg bestärken. Dieses Gefühl hält den ganzen restlichen Tag an. Wenn ich nach einer „schlechte Stunde“ den Yoga-Raum verlasse bin ich oft den Tränen nahe, zweifle an mir und meinem Weg und kann mich in diesem Moment an keine schöne Kinderyoga-Situation erinnern. Ich falle in ein Loch und meine innere Kritikerin gibt mir den Rest. Dieses Gefühl und diese Gedanken beschäftigen mich tagelang. Und wenn ich die Gruppe eine Woche später wieder unterrichte, mindestens bis zu diesem Zeitpunkt. Das nächste Treffen ist dann entscheidend darüber, wie das restliche Semester verläuft. Ganz oft kann es nämlich geschehen, dass sich diese schwierigen Situationen wiederholen und dann die Stimmung insgesamt zwischen allen Personen kippt. Damit es nicht so weit kommt hier meine Tipps, wie du nach schwierigen Kinderyoga-Stunden wieder aufs Pferd steigst.

Tipps, wenn es mal nicht so geklappt hat:

Die Erwartungen, die du an die Stunde hattest, sind nicht erfüllt worden? Glücklicherweise wissen das die Kinder nicht. Sie hatten wahrscheinlich, im Gegensatz zu dir, richtig viel Spaß und wissen gar nicht, was du für die Stunde geplant hattest. Kinder sind meist nicht nachtragend, sie leben im Moment und denken nicht daran, was vor einer Woche war. (… solange du sich nicht in ihrer Würde verletzt hast.)

  • Reflektieren – Woran ist es gelegen? Nicht immer liegt alles bei dir. Oft kommen die Kinder schon geladen in den Raum. Manchmal ist es auch das Wetter oder der Mond… Nimm dir deinen Teil heraus und arbeite für dich daran:
    • Brauchen die Kinder etwas anderes? Mehr Action? Mehr Vielfalt? Mehr Zeit?
    • Werden die Interessen der Kinder angesprochen?
    • Werden die Kinder gehört und gesehen?
    • Wie gestaltest du die Übergänge? Haben die Kinder in diesen Phasen Zeit für Blödsinn?
    • Wie war deine Grundstimmung der Stunde? Hast du auch Emotionen von außen mit in den Yogaraum gebracht? Kinder spiegeln dich nämlich unmittelbar.
    • Gibt es ein Kind, das du nicht sympatisch findest und immer wieder aneckt bei dir? Woran liegt das? Wieso genau dieses Kind? Erinnert es dich an jemanden – vielleicht an dich?
      Gibt es ein Kind, das vielleicht nicht freiwillig im Kurs ist und daher mit seinem Verhalten die anderen stört? Sprich das Thema bei den Eltern/ErzieherInnen an.
  • Durchatmen, Lächeln und wieder aufs Pferd steigen
  • Verzeihen (dir und den Kindern)
  • Yoga praktizieren: Vulkan, Löwe, Holzfäller, Stellung des Kindes, Schütteln, Tanzen, Austoben …
  • … und manchmal hilft nur LOSLASSEN (evtl. weinen). Oh wie oft ich nach einer Stunde den Tränen nahe war.

Übung für die nächste Stunde um dir wieder alle Kinder in deinen Herzraum zu holen

Die Kinder sind dir letzte Stunde so auf die Nerven gegangen und du kannst dir nicht vorstellen, dass es in der nächsten Stunde wieder anders läuft? Die Fronten sind verhärtet und du machst bei manchen Kindern emotional dicht und stempelst sie als „Störenfriede“ ab? Hier habe ich eine sehr wirkungsvolle, kurze Meditation für dich, die du vor der Yogastunde durchführen kannst. Diese Übung eignet sich natürlich vor JEDER Yogastunde um sich auf die Kinder einzustimmen und muss nicht erst im Ernstfall zum Einsatz kommen….

Komme etwas früher (ca. 10 min) als sonst in den Yogaraum und richte ihn mit viel Liebe und Ruhe für alle ansprechend her. Lege schon mal die Matte für die Kinder auf und setze dich danach auf deine Matte.
Schließe deine Augen und verbinde dich zuerst mit deiner Atmung. Schlüpfe gedanklich mit deinem Bewusstsein ganz in deinen Körper und spüre die Verbindung zum Boden und zum Himmel.
Verbinde dich danach mit deinem Herzraum und lasse dein Herz mit jedem Atemzug mehr und mehr strahlen.
Danach gehe gedanklich alle Kinder der Yogastunde durch und verweile bei jedem Kind einige Zeit. Schau es dir genau an und lächle es an.
Sage dem Kinder innerlich: „Es tut mir leid. Bitte verzeih mir, ich verzeihe dir. Ich mag dich/Ich hab dich lieb/Ich liebe dich. Danke für die letzte Stunde.“ Und schließe es mit einer herzlichen Umarmung in dein Herz. Geh so jedes Kind durch.
Beende dann für dich diese kleine Meditation indem du auch dich nochmal herzlich Umarmst und in den Herzfeld einlädst. Sprich auch für dich die oberen Sätze.
Nun bist du bereit für die Stunde. Viel Spaß!

Danke für deine Aufmerksamkeit, liebe Leserin, lieber Leser! Mit diesem Beitrag geht meine Pädagogik-Serie „Verhalten im Ernstfall“ zu Ende und ich verabschiede mich in die Weihnachtspause. Bis bald!

Namaste!


Die Kinderyoga-Serie „Verhalten im Ernstfall“ im Überblick:

  1. Nimm eine neue Haltung ein – Die Stunde gehört den Kindern, nicht dir (in Teil 1)
    dfg
  2. Kinder sind unsere Spiegel (in Teil 2)
    • Praktiziere selbst regelmäßig
    • Bewusstes Atmen hilft immer
    • Lade deine Batterien immer wieder auf
      dfg
  3. Achte deine Grenzen und die Grenzen der Kinder ( in Teil 3)
    • Zentrierungsübungen vor der Stunde helfen
    • Vermittle den Kindern die Wichtigkeit der eigenen Grenzen
      dfg
  4. Uneingeschränkte Annahme – Kein Kind stört! (in Teil 4)
    • Was ist der Entwicklungsstand der Kinder?
    • Was will mir dieses Kind sagen?
      dfg
  5. Aufbau der Stunde (in Teil 5)
    • Schnelle Wechsel der Übungen
    • Wichtig sind die Übergänge zwischen den Spielen/Übungen
    • Abwechseln LAUT und LEISE, KRAFTVOLL und ENTSPANNT
      dfg
  6. Reflektiere – Nimm dir deinen Anteil heraus aber lass los. Denn nicht für alles in der Stunde bist du verantwortlich. (hier in Teil 6)
    • Weitere Tipps für einen reibungslosen Ablauf
    • Loslassen, wenn es dieses Mail deiner Meinung nach gar nicht geklappt hat.