Uneingeschränkte Annahme – Kein Kind stört!

„Was mache ich, wenn ein Kind den Unterricht stört?“ Das ist wohl eine der häufigsten Fragen, die ich in der Ausbildung gestellt bekomme. Und sie ist ja auch legitim, aber an ihr erkennen wir schon einen Gedanken, der in der Erziehungswelt öfter vorkommt. Da gibt es eine geplante Handlung oder Erwartung – so soll die Kinderyoga-Stunde ablaufen, so sollen sich die Kinder verhalten – und dann jemand, der diesen Plan stört – das „schlimme Kind“. Aus dieser Haltung heraus reagieren wir dann meist gekränkt, irritiert und gehen auf Widerstand. Wir wollen ermahnen, erziehen und tadeln das Kind und sehen das Problem und die Lösung im Außen.

Meiner Erfahrung nach schaukeln sich solche Gedanken gerne auf. Da tanzt mal ein Kind aus der Reihe und schon wird es als Störenfried abgestempelt. Einmal gestempelt ist es sehr schwer aus diesem Denkmuster wieder raus zu kommen. Ich sehe nun also jedes Verhalten des Kindes mit meiner Störenfried-Brille. Da kommen dann so Sätze in mir hoch wie „eh klar, der/die schon wieder…“ Das traurige an dieser Situation ist, dass diese Kinder mit ihrem Verhalten meist nicht nur in der Yoga-Stunde auffallen, sondern auch im Kindergarten, in der Schule oder zuhause anecken. In allen Bereichen hören sie, dass sie sich anders benehmen sollen, leiser, braver, konzentrierter sein sollen. Dass sie eben so, wie sie sind, nicht in Ordnung sind. Sie sollen sich bessern.

Besonders wichtig in diesem Zusammenhang ist mir hier einen kleinen aber feinen Unterschied in der Wahrnehmung aufzuzeigen.

KEIN KIND STÖRT, wenn etwas den Unterricht oder dich stört, dann ist es das VERHALTEN des Kindes. Und genau das ist eine wichtige Unterscheidung.

Denn ein Verhalten kann ein Kind leicht ändern und nimmt dies natürlicherweise nicht so persönlich. Seine ganze Person zu verändern ist dagegen nicht möglich und der Versuch das zu bewerkstelligen kann ein ganzes Leben dauern und macht alles andere als glücklich.

„Liebes Kind. Ich mag dich sehr. Und ich kann verstehen, dass du wütend bist. Doch so, wie du deine Wut gerade auslebst, verletzt du andere Kinder. Komm, ich zeig dir, was du anstatt dessen mit deiner Wut machen kannst…“

Was will mir dieses Kind sagen?

Kinder zeigen uns mit ihrem Verhalten immer etwas auf. Schau genau hin. Meistens fühlen sie sich von den Erwartungen, die an sie gestellt werden, unter Druck gesetzt und leben diesen Druck dann körperlich oder verbal aus. In anderen Fällen zeigen sie auch mir, meine Befindlichkeiten an und spiegeln meinen Geistes- oder Gemütszustand. Und ganz oft zeigen diese Kinder mit ihrem Verhalten, dass sie eine Situation innerhalb der Familie, nicht in Ordnung finden.

Wichtig ist, dass du das Verhalten der Kinder nicht als persönlichen Angriff ansiehst: „Jetzt hab ich mir so viel Mühe bei der Vorbereitung der Stunde gemacht und dann zerstören diese gemeinen Kinder die schöne Stunde…“

Nein, sie zerstören sie nicht – sie verbessern und beleben sie. Denn erst mit echten authentischen Kindern mit all ihren Bedürfnissen wird die Stunde zur Yogastunde.

Das bedeutet nicht, dass du auf eine Planung verzichten solltest. Doch lehre ich meinen Kinderyoga-AbsolventInnen immer, dass sie trotz ihrer Planung flexibel bleiben sollen und auf die Bedürfnisse und den Energiepegel der Kinder reagieren müssen. Ansonsten ist es für alle Beteiligten anstrengend irgendwelchen Erwartungen hinterher zu laufen. Yoga soll Urlaub von Leistung, Druck und Erwartungen sein – für dich und die Kinder.

Jüngere Kinder brauchen wenig verbale Anleitung. Sie lernen und kommunizieren mit ihrem ganzen Körper. Zu viele Worte verwirren und machen unsicher. Diese Unsicherheit kann sich dann oft in ihrem Verhalten auswirken.

TIPPS:

  • Gib immer nur eine Anweisung nach der anderen, damit die Kinder dir folgen können.
  • Setze deine Sprache und deine Stimme gezielt ein. (wenig Worte, moduliere die Stimmlage)
  • Ändere dein Programm, wenn du merkst, es passt in diesem Moment nicht für die Gruppe.

 

Oft kommen Kinder in den Unterricht und hatten den ganzen Tag noch keine Zeit sich zurück zu ziehen um zu spüren, was in ihnen los ist. Sie sind angespannt, in ihnen sind nicht ausgelebte Emotionen, die noch keinen Möglichkeit hatten, an die Oberfläche gebracht zu werden. Am Anfang der Yogastunde sollte also viel Raum für dich und die Kinder sein angestauten Emotionen Raum zu geben. Nach solchen Übungen erledigt sich auffälliges Verhalten oft von selbst, denn die Luft ist draußen.

Der Holzfäller

„Stell dich breitbeinig hin. Es ist wichtig, dass du genügend Platz hast, um nach vorne auszuholen. Mit gestreckten Armen über dem Kopf stell dir vor, du hättest eine Hacke in den Händen.
Mit einem Lauten „HAAAAAA“ lasse den Oberkörper samt Armen und Hacke nach vorne und zwischen die Beine schwingen.
Einatmend rolle wieder in die Ausgangposition zurück. MAche etwa 10 bis 20 Wiederholungen und „hacke“ dabei so laut du kannst.

Wirkung:

– Kräftigung der Brustmuskulatur
– Kräftigt die Beinmuskulatur
– Dehnung der hinten Beinmuskulatur
– Erhöhung der Lungenkapazität
– Befreit von negativen Gefühlen
– Gut zum Abreagieren, wenn es in einem brodelt
– Bringt Sicherheit und Stabilität
– Fördert Offenheit anderen Menschen gegenüber

 

Und ganz ehrlich:

So wie es Erwachsene gibt, die einem sympathisch oder unsympathisch sind, ist das auch mit Kindern der Fall. Manche Kinder erinnern mich so sehr an ein Verhalten, das ich auch habe (oder mir nicht erlaube), dass es mir schwer fällt, dieses Kind so anzunehmen. Doch genau das ist mein Job. Wir sind die Erwachsenen und haben die Zügel über unsere Gedanken in der Hand. Wir müssen unseren Gedanken ja nicht alles glauben:

Die innere Beobachterin / Der innere Beobachter

Setzte oder lege dich an einen ruhigen Ort, wo du für die nächsten 10 Minuten nicht gestört wirst. Nimm dir nun vor für diese 10 Minuten körperlich ganz ruhig zu werden. Beginne mit ein paar tiefen Atemzügen in deinem Körper anzukommen und spüre ganz besonders zu deinen Empfindungen in deinen Fußsohlen.

Stell dir dann weiter vor, du nimmst in deinem Kopf Platz. Mach es dir mit einem Stuhl in deinem Kopf richtig gemütlich. Deine Aufgabe für die nächsten 10 Minuten ist es, deine Gedanken zu beobachten. Lass sie dabei einfach an dir vorbeiziehen, nimm sie wahr und winke sie dann weiter. Vielleicht hilft dir dabei das Bild eines Verkehrspolizisten, der alle Gedanken wahrnimmt und weiterziehen lässt. Sollten Gedanken dich verführen und ablenken, nimm das ganz liebevoll wahr und lenke die Aufmerksamkeit wieder zurück zur reinen Beobachtung. Kein Gedanke wird dabei bewertet. Du siehst dir jeden Gedanken interessiert an und gehst etwas auf Distanz zu ihm.

Nach diesen 10 Minuten beende die Übung auf deine Weise und spüre ihrer Wirkung nach. Sind nun mehr oder weniger Gedanken da? Hat sich deine Stimmung geändert?

 

FAZIT:

In einer Kinderyoga-Stunde werden Kinder so angenommen, wie sie sind. Sie dürfen ihre Emotionen ausleben und bekommen dafür wertvolle Werkzeuge mit auf den Weg, damit dies in konstruktiven Bahnen abläuft.

Der Satz, der Kindern und mir auf diesem Weg hilft lautet: „Ich mag dich. Du darfst so sein, wie du bist. Du darfst alle Gefühle rauslassen. Nur achte dabei auf die Grenze von dir und den anderen (kein verletzen). Ich zeige dir Wege, wie du damit sinnvoll umgehen kannst.“

 


Die Kinderyoga-Serie „Verhalten im Ernstfall“ im Überblick:

  1. Nimm eine neue Haltung ein – Die Stunde gehört den Kindern, nicht dir (in Teil 1)
    dfg
  2. Kinder sind unsere Spiegel (in Teil 2)
    • Praktiziere selbst regelmäßig
    • Bewusstes Atmen hilft immer
    • Lade deine Batterien immer wieder auf
      dfg
  3. Achte deine Grenzen und die Grenzen der Kinder ( in Teil 3)
    • Zentrierungsübungen vor der Stunde helfen
    • Vermittle den Kindern die Wichtigkeit der eigenen Grenzen
      dfg
  4. Uneingeschränkte Annahme – Kein Kind stört! (hier in Teil 4)
    • Was ist der Entwicklungsstand der Kinder?
    • Was will mir dieses Kind sagen?
      dfg
  5. Aufbau der Stunde (in Teil 5)
    • Schnelle Wechsel der Übungen
    • Wichtig sind die Übergänge zwischen den Spielen/Übungen
    • Abwechseln LAUT und LEISE, KRAFTVOLL und ENTSPANNT
      dfg
  6. Reflektiere – Nimm dir deinen Anteil heraus aber lass los. Denn nicht für alles in der Stunde bist du verantwortlich. (in Teil 6)
    • Weitere Tipps für einen reibungslosen Ablauf
    • Loslassen, wenn es dieses Mail deiner Meinung nach gar nicht geklappt hat.

In den nächsten Wochen werde ich Schritt für Schritt alle weiteren Punkte genau beantworten. Bleib also dran! Am Besten du trägst dich in meinen Newsletter ein, dann versäumst du keinen Teil der Serie. Ich freu mich auch auf regen Austausch und deine Erfahrung im Kommentar-Bereich oder auf Facebook.