Achte deine Grenzen und die Grenzen der Kinder

Vor ein paar Jahren war das Thema Grenzen setzen bei Kindern voll in Mode in der modernen Erziehungslandschaft. Es gab Bücher, die davon ausgingen, dass Kinder Grenzen brauchen, sonst werden sie zu „kleinen Tyrannen“ oder ähnlichem. Schon bei Ratgebern für junge Eltern stehen Vorschläge wie „Ab nun testet ihr Kind aus, was bei Ihnen durchgeht. Zeigen sie liebevoll, dass das Kind nicht alles haben kann, was es möchte. Kinder müssen früh lernen mit Frustration umzugehen.“ – Denn Kinder BRAUCHEN Grenzen. Ganz ehrlich, bei solchen Sätzen muss ich ganz bewusst auf meine Atmung achten, denn sonst kann es sein, dass ich explodiere. Was bedeutet das eigentlich? „Kinder brauchen Grenzen?“ Haben sie noch keine und ich als Erwachsener bin verpflichtet sie nachträglich von außen zu ziehen? Wer gibt mir dieses Recht?

Für mich ist es überaus GRENZÜBERSCHREITEND einem anderen Menschen vorzuschreiben, was er in einem bestimmten (oft künstlichen) Situation an Frust auszuhalten hat.

Dieser Blog-Beitrag handelt in erster Linie von der Arbeit mit Kindern im Kinderyoga-Setting. Alle Gedanken und Ideen können aber auch in den Familien-, Schul-, oder Kindergartenalltag übertragen werden.

Die GRUNDHALTUNG in jeder Yogastunde

Die Matte ist dein Königreich: Jedes Kind ist KönigIn auf der eigenen Matte (Königreich) – das eigene Reich(Mattenrand) wird mit zu Beginn mit Finger nachgefahren. Das Königreich bekommt einen unsichtbaren Zaun mit goldenen Kugeln – in dieses Königreich darf keiner ohne Erlaubnis des Königs/der Königin. Jede Königin/jeder König hat seine Regeln im Königreich – diese gelten aber nicht für Kinder außerhalb der Matte.

 

Kinder haben Grenzen – Achte diese!

„Würdest du so auch mit einem Erwachsenen sprechen?“ oder „Würdest du so auch bei einem Erwachsenen mit der Situation umgehen?“

Ich bin eine Menschen-Beobachterin. Oft sitze ich in der Straßenbahn und schaue Menschen bei ihrem täglichen Treiben zu. Die meisten – von einem Ort zum anderen hetzend – bekommen das gar nicht mit. Mit den aufmerksameren komme ich oft auch in Kontakt und es entstehen wunderschöne Begegnungen. Oft sitze ich still da und erlebe ein kleines bis mittleres Familiendrama, das ganz leicht auch umschifft hätte werden können. Eine Mutter mit 3 Kindern und voll bepackt steigt ein und kommandiert ihre Kinder auf festgeschrieben Sitzplätze. Die Kinder fühlen sich dadurch übergangen und suchen sich selbst Sitzplätze aus. Die Mutter – vielleicht in ihrer Rolle als Autoritätsperson verletzt – trommelt im Befehlston wieder alle Kinder zusammen. Das Drama nimmt seinen Lauf… Ja, ich kann alle Parteien hier verstehen. Die Mutter möchte eine unkomplizierte Lösung, die sie den Kindern überstülpt. Es wäre natürlich einfacher, alle beisammen sitzen zu haben. Die Kinder möchten – weil eigenständig denkende Wesen – diese Entscheidung selbst treffen und fühlen sich durch die Bevormundung der Mutter in ihrem Stolz verletzt. Noch dazu kommt der Stress-Faktor Straßenbahn. Durch Stress werden unsere Kanäle nach außen ganz eng und wir verlieren unser Einfühlungsvermögen. Dadurch können wir nicht mehr wahrnehmen, was unser Gegenüber braucht, sondern wir wollen nur schnell raus aus der Situation.

Wie immer: YOGA HILFT. Hier in dieser Situation ist es besonders wichtig wieder zur Atmung zu finden. Du kannst in allen Situationen, bevor die reagierst, deine Verbindung zur Atmung aufbauen. Deine Atmung hilft dir, deine Gedanken zu sortieren und dich auf deine Umgebung einzustellen. Das ist die Erste Hilfe Maßnahme in allen Erziehungsfragen – ATMEN!

Langfristig ist es meiner Erfahrung nach sehr wichtig eine neue Haltung Kindern gegenüber zu etablieren. Jeder Mensch will seine Integrität wahren. Auch Kinder wollen ihren Beitrag leisten, selbst über sich bestimmen, kreativ sein und für sich Verantwortung übernehmen. Viel zu oft übertreten wir die Grenzen eines Kindes aus Unachtsamkeit, indem wir Kinder vorschnell berühren, oder in Situationen drängen, in denen sie sich nicht wohl fühlen.

 

Wie kann ich die Integrität der Kinder wahren?

  • Nimm die Bedürfnisse der Kinder ernst – Frage, bevor du sie berührst

Dies ist besonders wichtig im Kinderyoga. Es gibt Spiele und Übungen, in denen ich als Yogalehrerin durch den Raum gehe und z.B. versuche alle „Berge“ umzuwerfen. Dafür berühre ich jedes Kind und rüttle etwas an ihm. Damit sich jedes Kind gut aufgehoben und respektiert fühlt, kündige ich dies aber vorher an: „Ich werde jetzt im Raum herum gehen und versuchen dich umzuwerfen. Wenn du nicht berührt werden willst, ist das OK. Dann gibt mir, sobald ich bei dir angekommen bin, ein kleines Zeichen.“ Sollte von einem Kind ein „Nein“ kommen, wird dieses stillschweigend akzeptiert, ohne es überreden zu wollen.

Besonders Babys und Kleinkinder gehören vor solchen Übergriffen geschützt. Sie können meist noch nicht verbal mitteilen, was sie denken und reagieren dann oft mit Widerstand oder Aggression. In vielen Familien entwickeln sich die Themen Wickeln, Haar waschen, Zähne putzen zu wahren Machtkämpfen zwischen Eltern und Kindern. Die Eltern denken sich, die Dinge für die Kinder so schnell und schmerzlos hinter sich bringen zu wollen und hetzen dann durch die Tätigkeiten. Wer hierzu Anregungen braucht, empfehle ich die Bücher von Emmi Pikler.

Kinder habe sie wie wir Erwachsene unterschiedliche Bedürfnisse. Sie müssen nicht immer mitmachen wollen. Sie dürfen auch mal müde sein. Und auch Wut ist ein ganz legitimes Gefühl, das in der Yogastunde Platz hat.

  • Akzeptiere die Entscheidung der Kinder

„Nein, ich will nicht!“ – „Aber geh… Willst du es dir nicht nochmal überlegen? Ich bin sonst ganz traurig…“ Und schon ist das Kind in einem Gewissenskonflikt. Erwachsene sind in einer Machtposition gegenüber den Kindern. Wir sind für sie verantwortlich und sie glauben uns jedes Wort, das wir ihnen sagen. Viele Kinder würden für unsere Anerkennung ALLES machen, unter anderem ihre eigenen Bedürfnisse und ihre Integrität verleugnen. Dessen sollen wir uns mit jedem Atemzug bewusst sein. Erwachsene entscheiden ganz natürlich über eine Großteil des Lebens der Kinder. Das ist auch gut so. Denn Kinder wären mit zu vielen Entscheidungen heillos überfordert (siehe unten: Kinder wollen Kontinuität, Sicherheit und Schutz). Mit zunehmenden Alter werden die Bereichen in denen sie selbstbestimmt entscheiden dürfen aber immer mehr. Selbst Babys entscheiden schon bewusst, wenn man die suptilen Zeichen zu deuten weiß und anerkennt.

Wenn ein Kind ganz klar „Nein“ sagt, ist das ein Zeichen von Willenskraft und bewusster Grenzziehung. Diese Entscheidung sollte akzeptiert werden (außer die Entscheidung wäre für das Kind unmittelbar schädlich – zB. im Alter von 2 Jahren alleine über die Straße laufen…). Sobald Kinder spüren, dass ihre Entscheidungen zu einem Großteil akzeptiert werden, können sie auch fremde Entscheidungen besser annehmen.

  • Kinder wollen Verantwortung übernehmen

Kinder lieben es Aufgaben zu erfüllen. Schon im Kleinkindalter helfen sie liebend gerne bei Tätigkeiten im Haushalt. Sie wollen eben sein wie die Großen und freuen sich ihren Beitrag in der Gemeinschaft zu leisten. Gebt den Kids also Bereiche für die sie verantwortlich sind.

Im Kinderyoga ist immer ein Kind dafür zuständig…

  • zu Beginn der Fantasiereise die Lavendel-Kissen für die Augen auszuteilen
  • das Licht ein- und auszuschalten.
  • am Ende der Stunde alle Yoga-Mappen einzusammeln und zu verstauen.

Dieses Helfer-Engerl wechselt jede Stunde, damit jedes Kind einmal diese Verantwortung genießen darf. Manchmal, je nach Raum-Angebot für dieses Helfer-Engerl als AnführerIn die Gruppe in den Bewegungsraum und wieder zurück.

  • mind your own business

„Was machst du denn gerade?“, „Kannst du das wohl schon?“, „Soll ich dir nicht doch helfen?“, „Pass bloß auf, wenn du da hinauf kletterst!“, „Ist das deine neue Freundin?“, … Wie oft mischen sich Erwachsene in die Angelegenheiten der Kinder ein, obwohl sie gar nicht gefragt wurden!? Solche Fragen sind natürlich nicht böse gemeint und haben meist gute Absichten dahinter. Oft versteckt sich dahinter die Sorge, ob es den Kindern gut geht. Und genau daran liegt das Problem. Denn es sind die Sorgen/Ängste der Erwachsenen, die durch solche Fragen automatisch auf die Kinder abfärben. Plötzlich zweifelt das Kind an seinen Fähigkeiten, die es doch vorher noch gespürt hat.

Besser: „Ich bin da, wenn du etwas brauchst.“ – So erhalten die Kinder, das Gefühl von Sicherheit und Autonomie.

 

Kinder wollen Kontinuität, Sicherheit und Schutz

Es ist oft ein schmaler Grad zwischen zu viel und zu wenig. Vor allem wenn es um den Umgang mit Kindern geht, ist unser Gespür und unsere Intuition der beste Lehrer. Jedes Kind / jede Gruppe hat andere Bedürfnisse nach Autonomie und Sicherheit und diese sollen von uns sensibel realisiert werden. Dies geschieht natürlich auch nur unter Wahrung der eigenen Grenzen (sieh unten: Du bist das Vorbild).

Je jünger die Kinder sind, desto mehr Sicherheit brauchen sie. Rituale und immer wiederkehrende Abläufe im Alltag geben Kindern dabei ein Gefühl für Zeit und schaffen einen natürlichen Rahmen. Kinder brauchen auch das Gefühl, dass wir Erwachsene gut auf sie aufpassen und alles unter Kontrolle haben. Daher ist es wichtig, die Kinder zwar in ihrem Kompetenzbereich mitbestimmen zu lassen, die Zügel aber nie ganz aus der Hand zu nehmen. Zu viel Verantwortung überfordert die Kinder. Sie fühlen sich dann wie die Kapitäne am Schiff und geraten und Druck.

Übergänge zwischen 2 Phasen oder Spiele/Übungen sind oft kritische Momente. Kinder brauchen auch hier Zeit, diesen nächsten Schritt zu verinnerlichen. Ein Vorschlag:  „Wenn das Lied zu Ende ist, setzte dich wieder zurück auf deine Matte / dein Königreich.“ „Nach der Jause ziehen wir uns die Schuhe an und gehen in den Garten.“

Du bist das Vorbild – Wo sind deine Grenzen?

Das Leben und Arbeiten mit Kindern ist für mich jeden Tag eine Bereicherung. Sie zeigen mir die Magie der kleinen Dinge, ich erkenne die Kraft der Langsamkeit und komme täglich in Berührung meiner Grenzen. Hierbei bieten sich großartige Gelegenheiten für alle Beteiligten daran zu wachsen. Kinder lernen durch zusehen und nachahmen. So lernen sie unsere Sprache, laufen und alle anderen Fähigkeiten. Somit sind Vorbilder, die klar die eigenen Grenzen definieren und diese wahren können, ein Segen für sie.

Meiner Auffassung nach geht es also nicht darum, künstliche Grenzen zu ziehen, damit das Kind lernt, dass es eben nicht alles darf. Sondern um ein empathisches Herantasten an die eigenen und fremden Grenzen. Es braucht viel Gespür und Übung diese zu erkennen und dann zu verbalisieren. Ich-Botschaften helfen dabei, den anderen nicht vor den Kopf zu stoßen. Erkennen Kinder, dass ihre Grenzen respektiert werden, achte sie auch die Grenzen der anderen. Allerdings ist das, so wie alles, ein Lernprozess, der oft nicht von heute auf morgen passiert.

Beispiele:

„Ich merke, dass du gerade Lust hast auf mir herum zu klettern. Mir ist das aber gerade zu anstrengend. Ich will dass du damit aufhörst.“

„Ich weiß, wie gerne du durch den Raum läufst. Jetzt habe ich etwas anderes vor mit euch. Du kannst dich entweder auf deine Matte setzen und mitmachen, oder vom Rand des Raumes aus zusehen.“

„Stop. Jetzt ist es mir zu wild. Ich will, dass ihr euch wieder auf die Matten setzt!“

 

2 Übungen für dich und die Kids

eine kleine Übung für dich vor der Yogastunde oder nach dem Aufstehen

Waschen mit der Zauberseife: Stell dir vor du hast gerade ein wunderschönes entspanntes Schlammbad genommen. Nun ist dein ganzer Köper vom Kopf bis zu den Zehen voll mit Schlamm. Herrlich! Um deinen wunderbaren Körper nun zu reinigen brauchst du einen besonderen Zauberschwamm mit Zauberseife. Diese spülen nicht nur den Schlamm herunter, sondern auch alles, was dich in letzter Zeit geärgert, müde oder traurig gemacht hat. Seife dich also gut ein – vom Kopf bis zu den Füßen – und spüre wie den Körper dabei zu kitzeln beginnt. Danach lasse klares Wasser über deinen gesamten Körper fließen. Dabei darf alles abfließen, was du nicht mehr brauchst.

Spüre deine Haut nach dieser Übung. Erkennst du deine Grenzen? Wo fängst du an? Wo hörst du auf?

 

Eine Übung zum Thema Grenzen erleben im Kinderyoga484769_512736812104322_1163377014_n

Die Palatschinken: Diese Spiel eignet sich besonders gut für Kinder/Gruppen, die Schwierigkeiten haben, ihre Grenzen wahrzunehmen. Diese Kinder laufen oft gegen Tische und Türstöcke, oder rempeln andere Kinder, ohne es zu bemerken. Diese Kinder spüren nicht, wo sie beginnen und aufhören.

Um ihnen die Grenzen wirklich spürbar bewusst zu machen, rolle ich alle Kinder nacheinander fest in Ihre Yogamatten ein. Die Kinder stellen sich dabei vor, sie sind nun eine Palatschinke, eine Wrap, oder eine Tortilla. Meistens kommen sie so besser zur Ruhe und verweilen so während einer kurzen Phantasiereise.

Diese Übung eignet sich auch wunderbar im Familien(yoga)-Setting vor einer Ruhephase oder dem Schlafen gehen.

 

 


Die Kinderyoga-Serie „Verhalten im Ernstfall“ im Überblick:

  1. Nimm eine neue Haltung ein – Die Stunde gehört den Kindern, nicht dir (in Teil 1)
    dfg
  2. Kinder sind unsere Spiegel (in Teil 2)
    • Praktiziere selbst regelmäßig
    • Bewusstes Atmen hilft immer
    • Lade deine Batterien immer wieder auf
      dfg
  3. Achte deine Grenzen und die Grenzen der Kinder (hier in Teil 3)
    • Zentrierungsübungen vor der Stunde helfen
    • Vermittle den Kindern die Wichtigkeit der eigenen Grenzen
      dfg
  4. Uneingeschränkte Annahme – Kein Kind stört! (in Teil 4)
    • Was ist der Entwicklungsstand der Kinder?
    • Was will mir dieses Kind sagen?
      dfg
  5. Aufbau der Stunde (in Teil 5)
    • Schnelle Wechsel der Übungen
    • Wichtig sind die Übergänge zwischen den Spielen/Übungen
    • Abwechseln LAUT und LEISE, KRAFTVOLL und ENTSPANNT
      dfg
  6. Reflektiere – Nimm dir deinen Anteil heraus aber lass los. Denn nicht für alles in der Stunde bist du verantwortlich. (in Teil 6)
    • Weitere Tipps für einen reibungslosen Ablauf
    • Loslassen, wenn es dieses Mail deiner Meinung nach gar nicht geklappt hat.

 

In den nächsten Wochen werde ich Schritt für Schritt alle weiteren Punkte genau beantworten. Bleib also dran! Am Besten du trägst dich in meinen Newsletter ein, dann versäumst du keinen Teil der Serie. Ich freu mich auch auf regen Austausch und deine Erfahrung im Kommentar-Bereich oder auf Facebook.