Gestern war ich in einer wunderbaren Yogastunde, die untermalt war mit vielen Klangelementen . In den Momenten der Stille dieser Yogastunde konnte ich ganz in mich hineinspüren. Lange habe ich mich und meine Asanapraxis durch Alltag und Familie vernachlässigt. Und fast vergessen war das Gefühl, das durch das Einlassen auf die Stille entsteht. Zusätzlich versetzten mich die wohlklingenden Schwingungen verschiedener Klangschalen in einen neuen Raum, indem Zeit keine Rolle spielt.

Nach der Yogastunde fragte uns die Lehrerin nach unserem Befinden. Eine Teilnehmerin ging in sehr starken Widerstand mit der stillen Praxis und der Meditationseinheit am Ende der Stunde. Ich konnte ihren aufgebrachten Geist richtig spüren. Sie wolle sich mehr Bewegen, andere Übungen, nicht so viel Sitzen. Denn das halte sie nicht aus. Für sie sei diese Art des Yoga nichts. Sie verstehe unter dem Begriff Yoga etwas anderes. Und sie müsse sich da auch nicht verändern, solle sich doch die Yogastunde verändern. Ansonsten komme sie nicht mehr. BAM!

Wäre ich vor ein paar Jahren – als blutjunge Yogalehrerin, die immer knapp am Existensminimum schrammte – mit so einer Situation konfrontiert worden, wäre ich aus allen Wolken gefallen. Und Gott sei Dank war ich auch dieses Mal nicht das Ziel dieses Angriffs, sondern nur Beobachterin.

Diese Situation erinnerte mich stark an mich selbst und meine eigenen Widerstände vor ein paar Jahren. Ich brach genau aus diesem Grund sogar 2 Yogaausbildungen vorzeitig ab. Weil ICH da nicht sein wollte. Weil das für MICH nicht Yoga war. Weil ICH mir etwas anderes vorgestellt hatte. Die Schuld hatten in dem Fall immer andere, denn ICH wusste ja, wie Yoga zu sein hatte. Und mein Widerstand war so groß, dass ich mich nicht auf die Erfahrung einlassen konnte.

Seit dieser Zeit ist vieles passiert, was die Stimme meines Egos etwas leiser gemacht hat:

  • Ich machte mich als Yogalehrerin selbstständig und kam damit in Situationen, in denen ich mich mit meiner Existenz einer höheren Macht anvertrauen musste. 2 Jahre wusste ich nicht, ob es sich dieses Monat finanziell wieder ausgehen würde. Doch ich lebte mit der Gewissheit, dass das mein Weg war und vertraute. (Danke auch dem wunderbaren und großzügigen Mann an meiner Seite für die Unterstützung auf allen Ebenen!)
  • Ich wurde Mama eines wunderbaren Sohnes und zu der Liebe, die mich seit dem Moment begleitet, kam ein riesiges Stück Demut dazu. Mein Leben bekam plötzlich einen neuen Wert. Und durch das intensive Geburtserlebnis wurde mir auch die Vergänglichkeit des Lebens sehr stark bewusst.
  • Die Fremdbestimmung als junge Mama durch meinen Baby-Sohn gefiel meinem Ego gar nicht. Lauthals protestierte es: „Ich bin zu müde.“ „Ich will einen Tag Ruhe.“ „So hab ich mir das nicht vorgestellt.“ „Ich sollte die Wohnung aufräumen.“ „Die E-Mails wurden auch schon eine Woche lang nicht beantwortet.“ … Irgendwann hörte ich auf, dieser Stimme zuzuhören, denn es machte keinen Unterschied, was ICH wollte, oder sollte. Es gab in diesem Moment andere Prioritäten, es gab Dinge, die einfach gemacht werden mussten. Und ich erkannte, dass diese Dinge weniger Energie kosteten – ja, vielleicht sogar freudvoll waren – wenn ich ihnen ohne Widerstand begegnete. Meine Erfahrung – HIER.
  • Anfang diesen Jahres kam ich mit einer lang verborgenen tiefen Angst in Berührung. Bis heute weiß ich nicht, was oder wer diese Emotion in mir ausgelöst hatte. Aber sie blieb und ging nicht mehr weg. Meine altbewährten Strategien mit „unangenehmen Emotionen“ umzugehen – vorzugsweise Ablenkung und Verdrängung – funktionierten nicht mehr. Ich musste mich dieser Angst also stellen. Hier der Artikel dazu.

Diese Erfahrungen und die stetige Yoga-Praxis lehrten mich mein Ego und meine Gedanken nicht zu ernst zu nehmen. Durch meine tägliche Meditationspraxis wurden die Gedankenschleifen in meinem Kopf ruhiger und ich konnte dahinter sehen. Immer öfter gelingt es mir, mich von meinem Gedanken zu distanzieren. Sie sind immer da – mal mehr, mal weniger – aber ich muss ihnen ja nicht glauben.

Zurück zum Widerstand:

Santhosa (Sanskrit: सन्तोष santoṣa m.): Zufriedenheit, Bescheidenheit, Schlichtheit, Anspruchslosigkeit [Quelle: http://wiki.yoga-vidya.de/]

Im Yoga gibt es einen Begriff, der nennt sich „Santhosa“. Er ist der 2. Punkt der Niyamas von Patanjalis achtgliedrigen Pfad. Wer „Santhosa“ pflegt, ist dem Ziel des Yogas – Moksa (Befreiung aus dem karmischen Kreislauf der Wiedergeburt) – einen Schritt näher. Santhosa ist der Weg raus aus dem Widerstand. Denn durch Zufriedenheit – ganz egal ob ich das jetzt will oder nicht – meistere ich die Situation leichter. Widerstand verbraucht irrsinnig viel Energie und meistens muss die „Arbeit“ trotzdem erledigt werden.

Mir wurde irgendwann bewusst , wie viel Energie ich tagtäglich durch meinen inneren Widerstand verbrauchte, und plötzlich erkannte ich dieses alte Muster in so vielen Situationen, wo meine Erwartung mit dem tatsächlichen Zustand konträr gingen.

  • „Mein Partner sollte eigentlich anders sein / anders reagieren.“
  • „Mein Tag sollte anders verlaufen.“
  • „Eigentlich wäre ich lieber im Urlaub.“
  • „Mein Körper sollte anders sein.“
  • „Meine (negativen) Gefühle sollen weg gehen.“
  • „Meine Vergangenheit hätte anders verlaufen sollen.“
  • „Meine Wohnung sollte ordentlicher sein.“
  • „Schuld sind die anderen, dass es gerade so läuft.“

Stellt euch mal vor, was für eine Welt entstehen würde, wenn wir alle aufhören, das Offensichtliche, was gerade da ist, zu bekämpfen. Anstatt dessen könnten wir diese Energie, die wir für den Widerstand aufwenden, in konstruktive Bahnen lenken und wirkliche Lösungen finden. Noch nie war ein Umdenken in diese Richtung so wichtig, wie in der jetzigen Zeit, wo wir weltpolitisch so viele Widerstände spüren können. Und Lösungen ganz dringend gebraucht werden.

Du hast immer mindestens 2 Möglichkeiten in einer Situation. Sei zufrieden, oder ändere etwas. Denn Jammern ist anstrengend für alle in deinem Umkreis 😉

 

Warum fällt es Menschen so schwer in die Stille zu gehen?

Widerstände entstehen nicht nur in unserem alltäglichen Leben, sondern besonders in Situationen der Stille. Dann, wenn wir uns der Stille zuwenden, wird es meistens ganz schön laut in unserem Kopf. Alle Dämonen, all unsere Glaubenssätze, oder ToDo-Listen schwirren im Kopf herum. Das Ego hat Angst vor Veränderungen, denn Routine, auch wenn sie destruktiv ist, bringt (vermeintliche) Sicherheit. Daher wird sich dein Ego einiges einfallen lassen um dich anfangs von der Meditation abzuhalten. Es wird ganz konkret in Widerstand gehen und dir hunderte Dinge aufzählen, die in diesem Moment sinnvoller wären, als hier in Stille zu sitzen. Auch körperliche Symptome – Rastlosigkeit, Unruhe, Schmerzen, Enge – werden vielleicht auftauchen. Und manchmal tauchen sogar sehr schmerzhafte alte Erinnerungen oder Gefühle auf, die du ganz bewusst verdrängt hast…

Bleib trotzdem sitzen und beobachte, wenn es für dich zu ertragen ist. Eine große Hilfe ist die Konzentration auf die Atmung. Je öfter und regelmäßig du dir diese Momente der Stille nimmst, desto leiser wird es in deinem Kopf.

 

Übung – Der Beobachter, die Beobachterin:

Achte darauf, dass du für die nächsten 5-10 Minuten nicht gestört wirst. Am Besten stelle dir für diese Zeit einen Wecker. Setze oder lege dich bequem hin und schließe die Augen. Konzentriere dich auf deine Atmung. Die Atmung ist ein guter Anker für deine Konzentration. Solltest du während der Meditation von deinen Gedanken mitgetragen werden, komme immer wieder liebevoll zum Atem zurück. Stell dir nun vor, du machst es dir in deinem Kopf auf einem Stuhl bequem, denn du willst deine Gedanken heute beobachten. Du sitzt dabei etwas in Distanz, denn es sind ja nur Gedanken, die vorbei ziehen. Sie haben mit dir – BeobachterIn – nichts zu tun. Wenn ein Gedanke auftaucht, nimm ihn war. Vielleicht möchtest du ihn auch begrüßen: „Aha, du schon wieder. Du kommst öfter hier vorbei. Das finde ich interessant.“ Und dann lass den Gedanken aber wieder ziehen. Wichtig: halte die Zeit, die du dir dafür gesetzt hast, durch. Stehe erst auf, wenn der Timer abgelaufen ist. Stecke dir dafür für den Anfang kleine Ziele – 5 Minuten reichen zum Starten.

Praktiziere diese Übung regelmäßig und du wirst dir deiner (meist destruktiven) Gedankenkreisläufe bewusst werden. Durch die regelmäßige Praxis werden die Gedanken leiser und die lernst Distanz zu ihnen aufzubauen.

 

Viel Spaß beim Üben und Erkennen der eigenen Widerstände. Ich freue mich über deine Erfahrungen.

 

TIPP: LOVE THE PLANET!!! – diese wunderbare und wichtige Meditation habe ich gerade im Netz gefunden. Ich bin jetzt täglich dabei. Du auch?