Seit Monaten klopft er mal leise und dann ganz laut an unsere Tür. Er ist da. Steht mal neben mir, geht hinter mir her oder zeigt mir den Weg. Lange Zeit wich ich ihm aus, wollte ihn weg haben. Doch je mehr ich gegen ihn kämpfte, desto bedrohlicher wurde die Vorstellung an ihn. Den Tod!

Vor ein paar Wochen ist mein Opa nach einer kurzen schweren Krankheit gestorben. Die ganze Familie hielt diese Krankheit wochenlang im Ausnahmezustand. Im Juli bekam er die Diagnose Krebs im Oktober war er gestorben. Dazwischen gab es Hoffen, Bangen, Angst, Wut, Zuversicht und ganz viel Hilflosigkeit.

In all dieser Zeit lief unser Leben in Klosterneuburg die gewohnten Bahnen: Kindergarten, Tagesmutter, Spielplatz, Einkaufen, Kochen, Freunde treffen, unterrichten.

Und doch merkte mein Sohn, dass etwas nicht wie immer war. Wie aus dem Nichts – während des Spielens – hielt er wieder inne. Er schaute mich mit seinen wachen, neugierigen und wissenden Augen an und ich wusste, was er mich nun wieder fragen würde: „Mama, wann sterben wir?“ In seiner leisen Stimme erkannte ich, dass ihn die Vorstellung zu sterben beängstigte. Mich auch. Ich spürte wie Panik in mir hoch stieg. „Sei still! Was fragst du für Sachen?! Ich will darüber nicht nachdenken! Wir sterben nicht!“, wollte ich ihm am liebsten an den Kopf werfen. Doch ich blieb still. Oh Gott. Das war doch meine größte Angst: Der Tod meiner Kinder. Stunden habe ich deswegen bei meiner Therapeutin gesessen. Kann diese Angst nicht endlich weg gehen? Kann mir nicht endlich mal jemand unterschreiben, dass wir nicht sterben werden und für immer glücklich sind?

Ich atmete. Ließ den ersten Schock gehen. Entspannte meine Schultern und blickte dem Sohn tief in die Augen. Er hatte Angst und meine Reaktion war nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Ich hielt meine Arme auf und ließ ihn auf meinen Schoß.

„Du hast Angst zu sterben, hm?“ „Ja“, sagte er. „Das kann ich gut verstehen. Du hast ja noch so viel vor mit deinem Leben. Willst noch so viel spielen, lachen und lernen. Und sterben fühlt sich so gruselig ungewiss an.“ „Ja. Und außerdem will ich nicht, dass du weg bist.“, mittlerweile weinte er. Ich auch. „Oh, Schatz. Das will ich auch nicht. Ich kann dir leider nicht sagen, wann wir sterben. Das weiß ich selbst nicht. Ich kann dir aber sagen, dass es ganz normal ist, davor Angst zu haben. Was ich aber weiß ist, dass ich ganz gut auf dich aufpassen werde. Denn das ist meine Aufgabe als Mama. Und egal was auch passiert. Ich hab dich lieb. Das wird sich NIE ändern.“. Lange Zeit sagten wir nichts und umarmten uns still. Ich genoss diesen zarten, zerbrechlichen und kostbaren Moment zwischen uns. Er beruhigte sich langsam und schaute mich wieder mit großen neugierigen Augen an.

„Warum sterben wir, Mama?“ Schon wieder so eine Frage, die ich mir lange selbst nicht beantworten konnte. „Weißt du, das frag ich mich in letzter Zeit auch immer wieder. Und ich hab für mich dafür eine Antwort gefunden. Ich glauben, dass das Leben erst durch den Tod richtig wertvoll wird.“ Er war mit der Antwort fürs Erste zufrieden und widmete sich wieder seinem Spiel.

Diese Unterhaltung führen wir nun seit Monaten. Die ersten Gespräche dieser Art haben noch kalten Angstschweiß in mir erzeugt. Mittlerweile liebe ich diese Unterhaltung über die Vergänglichkeit fast. Sie bringt mir immer wieder in Gedächtnis, welch Geschenk dieses Leben ist und dass ich es weise nutzen will. Ich habe fast das Gefühl, mein Sohn – mit seinen 3,5 Jahren coacht mich in Sachen Demut. Immer wenn mich meine innere Antreiberin mal wieder nicht still sitzen lässt, ich an mir, den Kindern oder meinen Partner herum meckere, erfüllt mich plötzlich ein tiefes Gefühl der Demut an dieses Leben. Ich kann dann gar nicht anders, als inne zu halten und dem Leben für diese Lebendigkeit und Echtheit zu danken.

Ja, ich hätte ihn gerne noch länger in meinem Leben gehabt, meinen Opa. Ich vermisse ihn sehr. Wir alle tun das. Und doch bin ich ihm zutiefst dankbar für seine Liebe. Es war eine leise bedingungslose Liebe und Unterstützung, die ich durch ihn erfahren durfte. Dieses Geschenk darf ich nun an meine Kinder weiter geben. Und ich hoffe, dass es mir nur halb so gut gelingt ein Leben zu führen, das so viele Menschen berührt hat, wie seines.

 

Bücher, die uns in dieser Zeit geholfen haben:

  • Ich bin das Licht – Neal D. Walsch
  • Opas Reise zu den Sternen – Anja Kieffer

 

(Fotocredit: Pixapay)